Das Jahr, das sich drückte

Die Puppenspieler*innen heben schüchtern den Finger. Systemrelevant mochten sie auch während der Zwangspause sein. Schnell war klar, da wird nichts draus.
Zwanzigzwanzig wird uns in Erinnerung bleiben als das Jahr, in dem wir uns fühlten, wie eine Herde gestrandeter Wale. Kein normales Leben, kein Theater, ein verkorkstes Jahr.
Es fing an mit Herzrasen und schlaflosen Nächten. Am Anfang des Lockdowns war unsere Kreativität war von einer seltsamen Lähmung befallen, von der wir uns erstmal befreien mussten. Irgendwann gab es nicht mehr viel zu gärtnern, die Steuer vom letzten Jahr war gemacht, Renovierungsarbeiten beendet. Was nun?
Um den Kontakt zum Publikum nicht abreißen zu lassen, wurde allerorten gestreamt. Das war anerkennenswert, aber was da gestreamt wurde, erschien mitunter wie ein unfreiwilliger Versuch der Theater, sich selbst abzuschaffen. Streaming ist für Theater eben doch nur ein Methadon-Programm.
Dann diese Video-Chats! Ganz ehrlich, ich mochte irgendwann keine Kollegen-Gesichter von schräg unten vor Billy-Regalen und Zimmerpflanzen mehr sehen. Es war, als ob es nur noch Bildschirme gäbe und hinter Bildschirmen keine Welt.
Entgegen der öffentlichen Wahrnehmung kamen Corona-Hilfen für die Kulturszene selten da an, wo sie benötigt wurden. Angebliche Soforthilfen erwiesen sich oft als Mogelpackung, je nach Bundesland. An Sonntagsreden mangelte es nicht, Parteien feierten sich als Motor für Soziale Gerechtigkeit, aber Bundesregierung und Länder hatten die Kulturschaffenden kaum auf dem Schirm.
Auch am Jahresende leben wir noch immer in einem ständigen Wechsel zwischen Hoffnung, Ernüchterung, Optimismus und Verunsicherung. Aber jedes Mal, wenn wir resignieren wollen, merken wir, dass wir die Hände nicht stillhalten können - auch wenn der Kopf manchmal noch im Sand steckt.
Viel wesentlicher und bedenklicher als diese persönlichen Befindlichkeiten sind allerdings die gesellschaftlichen Folgen der Corona-Zeit. Es scheint so, als werde im Kulturbereich an Sicherheitsvorkehrungen ausgeglichen, was in anderen Teilen der Gesellschaft nicht durchgesetzt wird.
Es wurde schon häufig kritisiert, dass nicht nachvollziehbar sei, wieso in einem überfüllten Zug geringere Ansteckungsgefahr als in einem Theater herrschen solle. Bisher hat sich zumindest keines unserer Spielorte als Ansteckungsherd entpuppt.
Die Kultur scheint als vernachlässigbar zu gelten, als würden an der Branche nicht ebenfalls Millionen Jobs hängen. Doch selbst ohne ökonomische Berechnung sind die ungleich strengeren Auflagen schwer zu verstehen, denn sie suggerieren, dass etwas gegen die Seuche getan werde, während an manch anderer Stelle längst wieder 2019 gespielt wird.
Das ist umso ärgerlicher, weil die Kultur damit als entbehrliches Schaumgebäck verstanden wird, auf das man ebenso verzichten kann.
Die Kulturveranstalter scharren unruhig mit den Hufen, sie suchen Wege aus der Aussichtslosigkeit. Sie entwickeln mit großer Sorgfalt kreative Lösungen für Hygienekonzepte und neue Veranstaltungsformate. Abstandsregeln, Obergrenzen und andere ‘Dicke Bretter‘ stehen auf dem Prüfstand. Es wäre wichtig für die Zukunft der Kultur, ein Signal zu setzen. Denn eines ist klar: Theaterreihen und Festivals haben nur eine Zukunft, wenn die geringere Auslastung und der größere Aufwand organisatorisch und finanziell kompensiert wird. Dies wäre eine gesamtgesellschaftlich bedeutende Entscheidung.
Was fehlt, ist ein „Wumms“ beim politischen Willen. Wer meint, Kultur und Bildung sei zu teuer, der kennt den Preis der kulturellen Verarmung und der Dummheit nicht. Finanzminister Olaf Scholz hat das erkannt: „Nichtstun wäre sehr viel teurer.“ (Zwinkersmiley. - Er meinte damit natürlich die Luftfahrt- und Autoindustrie.)
Wenn wir später einmal zurückblicken auf die Corona-Zeit, werden wir uns wohl lachend in den Armen liegen uns sagen: „Das waren vielleicht verrückte 12 Jahre.“

Günter Staniewski, Theater Laku Paka
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